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Zu Beginn dieses Artikels, der kritisch mit den Geschäftsmodellen umgeht, muss ich bekennen, dass ich selber allen genannten Firmen meine Daten zur Verfügung gestellt habe, anfangs aus Neugierde, Unwissenheit und einem gewissen Maß an Naivität.  Auch habe ich nicht wenig dafür bezahlt. Ich habe zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Artikels sogar noch laufende Abonnements bei myHeritage und ancestry. Es tut mir nicht leid, aber wenn ich eine Kosten- Nutzenrechnung anstellen würde, wäre der Nutzen für mich verschwindend gering und die Kosten beträchtlich

Kommerzialisierung der Ahnenforschung

Die Suche nach Ahnen führt früher oder später dazu, dass eine mehr oder weniger große Datenmenge zustandekommt. Da ist es nicht verwunderlich, dass vielfach versucht wird, an diese Daten zu kommen und damit Geld zu machen. 

Dabei geht es sowohl um Personaldaten als auch höchst persönliche DNA-Daten.

Die Ahnenforschung hat sich von einer nischenbetonten Tätigkeit zu einer kommerzialisierten Industrie entwickelt, die von Unternehmen wie MyHeritage und Ancestry dominiert wird. Diese Unternehmen vermarkten ihre Dienstleistungen auf einfache und schnelle Weise, was ihren Kunden helfen soll, mehr über die eigene Familiengeschichte zu erfahren. Sie bieten insbesondere die Möglichkeit, den Stammbaum übersichtlich darzustellen und zu teilen. 

Das Geschäftsmodell von Unternehmen wie MyHeritage und Ancestry

Die kommerziellen Anbieter von Ahnenforschungsdiensten erzielen ihre Gewinne hauptsächlich durch die Verwendung und Verarbeitung von Daten, die ihnen ihre Kunden zur Verfügung stellen und die dafür auch noch selber zahlen müssen. Kunden werden ermutigt, ihre Familiendaten zu teilen, die dann genutzt werden, um die Datenbanken des Unternehmens zu erweitern und neue Kunden anzulocken. Natürlich hat auch der einzelne Kunde etwas davon, weil er Zugang zu Daten erlangt, die er sonst mühsam suchen müsste und die er auf andere Weise oft gar nicht bekommen würde.

Das Problem der Verbreitung falscher Informationen

Ein ernstes Problem, das sich aus diesem Geschäftsmodell ergibt, ist aber die Verbreitung falscher oder ungenauer Informationen. Viele Kunden kopieren und teilen Daten, ohne sie zu überprüfen, was zu einer Verbreitung von Fehlern und Ungenauigkeiten führt. Leider scheinen Unternehmen wie MyHeritage und Ancestry wenig Anreiz zu haben, dieses Problem zu lösen, da ihre Hauptpriorität darin besteht, ihre Datenbanken zu erweitern und neue Kunden zu gewinnen.

Unterschiede zwischen kommerziellen und nicht-kommerziellen Anbietern: FamilySearch als Beispiel

Im Gegensatz dazu stehen nicht-kommerzielle Anbieter wie FamilySearch, die sich auf die Bereitstellung präziser und zuverlässiger Informationen konzentrieren. Sie haben anscheinend  keinen finanziellen Anreiz, ungenaue Daten zu verbreiten und legen mehr Wert auf die Qualität ihrer Informationen.

DNA-Daten

Unternehmen, die DNA-Tests anbieten, versprechen eine schnelle und einfache Möglichkeit, tief in die eigene Familiengeschichte einzutauchen. Ein Trend, der auf den ersten Blick durchaus positiv erscheinen mag, birgt jedoch eine Reihe von Problemen.

Es ist  bedenklich, dass oft unrealistische Erwartungen geweckt werden. Manche Unternehmen suggerieren, dass ein DNA-Test präzise und unumstößliche Fakten über die eigene Abstammung liefern kann. In Wirklichkeit basieren die Ergebnisse jedoch auf komplexen statistischen Modellen und sind weit von einer absoluten Gewissheit entfernt.

Ein weiteres Problem  ist der Umgang mit den gesammelten Daten. Diese Unternehmen verfügen über riesige Datenbanken mit genetischen Informationen von Millionen von Menschen. Obwohl sie versprechen, diese Informationen vertraulich zu behandeln, gibt es immer wieder Berichte über Datenlecks und Missbrauch.

2019 erhielt die Firma Ancestry.com in Deutschland den Negativpreis „BigBrotherAward“ in der neu geschaffenen Kategorie Biotechnik, „weil sie Menschen mit Interesse an Familienforschung dazu verleitet, ihre Speichelproben einzusenden. Ancestry verkauft die Gendaten an die kommerzielle Pharmaforschung, ermöglicht verdeckte Vaterschaftstests und schafft die Datengrundlage für polizeiliche genetische Rasterungen“

Schließlich besteht die Gefahr, dass die Kommerzialisierung der Ahnenforschung unsere Wahrnehmung von Identität und Herkunft verzerrt. Die Betonung der genetischen Abstammung kann zu einem übermäßigen Fokus auf ethnische und rassische Unterschiede führen, was dadurch Stereotypen und Vorurteile verstärken kann. Außerdem besteht die Gefahr, die Bedeutung von Kultur, Erziehung und persönlicher Erfahrung bei der Prägung unserer Identität zu unterschätzen.

Die Kommerzialisierung der Ahnenforschung ist grundsätzlich nicht  negativ. Auch die von mir kritisch betrachteten Firmen haben zweifellos vielen Menschen geholfen, ihre Wurzeln zu entdecken und Verbindungen zu entfernten Verwandten herzustellen. 

Kritische Betrachtung und Lösungsansätze

Die Kommerzialisierung der Ahnenforschung birgt aber doch ernsthafte Risiken, darunter die Verbreitung falscher Informationen, der Missbrauch von Kundendaten und die Verzerrung unseres Verständnisses von Identität und Herkunft. Es ist daher wichtig, diese Probleme zu erkennen und Lösungsansätze zu entwickeln. Dazu gehören strengere Datenschutzbestimmungen, die Förderung der Datenqualität und die Aufklärung der Kunden über die Risiken und Grenzen der kommerziellen Ahnenforschung.

Fazit

Die Zukunft der Ahnenforschung sollte nicht nur von kommerziellen Interessen bestimmt werden. Es ist wichtig, dass wir die Integrität und Genauigkeit unserer familiären Daten bewahren und die Ahnenforschung als einen bewussten und respektvollen Prozess betrachten, nicht als eine Ware auf einem Markt.