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1769: Flucht aus Schloss Rannariedl

Schloss Rannariedl (auch: Rannariegl) ist eine Schlossanlage im Mühlviertel in  Oberösterreich hoch über der Donau.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1769 entkam der wegen schweren Diebstahls inhaftierte Thomas Huebmer auf spektakuläre Weise aus dem Gefängnis in Rannariedl. Obwohl er in Eisen gekettet war, gelang es ihm, sich zu befreien und durch einen Kachelofen zu brechen. Anschließend drang er durch eine Ziegelmauer in einen Nebenkerker ein, wo er die Tür ausbrach, um in einen weiteren Kerkerraum zu gelangen. Nachdem er eine weitere Mauer durchbrochen hatte, fertigte er aus dem in seinem Kerker vorhandenen Stroh ein Seil von knapp 10 Metern Länge an und verlängerte es mit Eisenketten. Schließlich seilte er sich auf ein Dach ab und sprang von dort aus in die Freiheit.

Die Aufsicht über den Gefangenen hatten die Gerichtsdiener Joseph Strixner und sein ältester Sohn Johann Georg. Sie kamen in Haft und wurden wegen Vernchlässigung ihrer Aufsichtspflicht verurteilt. Joseph Strixner musste über seinen bereits ausgestandenen Arrest von 2 Monaten noch 4 Wochen lang öffentliche Arbeit in Eisen leisten, während sein Sohn Johann Georg nach den 2 Monaten aus dem Arrest entlassen werden konnte.

Beide Gerichtsdiener sind unsere direkten Vorfahren.´.

Der Landrichter Aichinger schrieb darüber folgenden Bericht seine vorgesetzte Stelle, die Landeshauptmannschaft Oberösterreich: 

Die Landeshauptmannschaft war mit dem Vorschlag nur hinsichtlich des Sohnes einverstanden und ordnete für seinen Vater statt der vorgeschlagenen 8 Tage vier Wochen öffentliche Arbeit in Eisen an.

  1. Tenore Decreti A. haben Euer hochgräfl. Excellenz

an mich so vill gnädig gelangen lassen, dass ich wegen des

bey der Herrschaft Rannariedl innengelegenen= und von

dannen aus dem Arrest entwichenen Herrschaft Mar-

spachi Bestandt Mayrs Thomas Huebmers beschuldigt

Herrschaft Rannaridl: Landtschts diener Joseph Strix-

ner, und dessen ältern Sohn Johann Georg in dem

hiesigen Wazserthurn /: allwohin beed selber aber erst den

15:en Xbris jüngst abgerückt (1)769:en Jahres eingeliefert

worden :/ übernehmen „landtgerichtlich inquiriren“

und den abgeführten Inquisitions= Act mitls eines

gutachtl. berichts einer hochlöbl: n Landshaubt-

manschaft pp. übergeben sollen.

Gleichwie ich nun aus dem von dem kk Herrn Creyß-

haubtmann des Mühl und Machlands Viertls grafen

v: Salbourg pp. erstattet= und von lit. A. biß lit. A.a.

  1. inclusive instruirten bericht B. in facto so vil ersehen,

winach eingangs besagter Bestandt Mayr Thomas

Huebmer in der sogenannten Zigeiner Stuben arrestierlich

innengelegen, und alda geschlossen war, in der Nacht von

9:en auf den 10:en 9bris (1)769. aber sich von denen Eisen, und ?-

schlössern los gemacht, sodann von dem Ofen 7 Ofenkacheln

ohne derenselben Verletzung ausgebrochen, alda durchgeschloffen,

nach verfolg dessen oberhalb des hölzernen Camin-Thürls

durch ein Ziegl = Mäurl durchgearbeithet, folgl: in einen Neben=

Kerker von der geschlossenen Thür die eiserne bandt herabge=

wogen, endl: in dem sogenannten Rosenberger Kotter

mehrmalen eine faßt 2. Schueh dicke Maur ausgebrochen,

und durch dies ausgebrochene Loch sich mitls eines indessen ge-

flochtenen 6. bis 7. Clafter langen Strohbandes, und daran ge-

bundenen zweyer eisernen Kötten biß auf ein Tachl hinab ge-

lassen, von dannen aber biß auf die Erde hinabgesprungen

und sohin flüchtigen fürs gesetzet; Alß habe auch

sowohl den Herrschaft Rannariedl:n Landtgerichtsdiener

Joseph Strixner, alß auch deßen Sohn Johann Georg hier=

=wegen in die landgerichtl:n Inquisition genohmen, und

mit ihnen beykommende Inquisitions=Acta von Nr. 3 biß

  1. inclusive behoben;

da nun aber sowohl Vatter alß Sohn nicht nur in denen

mit Ihnen behoben Summaris: Constitutis Nr. 2. et 3. sond=

auch und zwar absonderlich in denen articulirt=Landtgericht=

=lichen Constitutis Nr: 8. et 9. festiglich dabey beharren,

daß sie dem Mayr vorsetzliche Hilf und Vorschub nicht ge=

laistet, mithin auch in dolo nicht verh## (verfieren würde evtl. passen) Alß

scheinet es zwar das ansehen zu gewinnen, alß ob mann

wider dieselbige ad eruendam rei veritatem auch mit der

strengen Frag der ursachen willen fürgehen könnte

zumahlen

Primo der(?) flüchtig gewordene Bestandt Mayr in Puncto Furti

qualificatis und sogar, wie desselben Inquisitions Acta

ausweisen, haftbrüchig innengelegen, überhaubts aber

Secundo fast nicht zu begreiffen war, wie der Mayr ohne

beyhilf eines anderen in einer einzigen Nacht ein so

langes Strohband, wie der augenschein gezeiget, hätte

flechten, sich von denen Eisen losmachen,, und nicht nur

durch den Ofen und ein Ziegel=Mäurl, sondern auch durch

eine Thür in dem Rosenberger Cotter, und alda wider-

um durch eine faßt 2.Schueh dicke Maur ausbrechen,

durcharbeithen, und sich auf ein Tachl hinunter lassen

können, zudem auch

Tertio sowohl einem alß dem andern sehr zu Last

fallet, dass, sie dem Mayr das unabgeschnittene Stroh

  1. Täg lang in der Zigeiner Stuben beygelassen,

da ihnen doch Herr Pfleger zu Rannariedl selbst

bekanntlicher maßen verbothen, derley Arrestanten

unabgeschnittenes Stroh zu geben, deme

Quarto annoch nach stosset, dass sie vor dem Camin einen Riem

in einen Schalk, dann bey dem Rosenberger Cotter die star=

=ke und lange Cötten liegen gelassen, woraus

Quinto praesummiret werden könnte, alß ob all solches recht

geflissentlich zum behuf des Mayrs beschehen wäre,

endl: aber

Sexto nicht nur in Unser O:Ö: Landgerichtsordnung

den Leopoldina poenali

Part: 3. Art: 37 § 3

sondern auch in der Constitutione criminali There=

=siana

Art: 71 § 2

Ausdrücklich statuiert ist, dass, wann der Gefangen=

warther denen Arrestanten derley Mitl in handen ge-

=lassen, und nicht genugsame Ursachen seiner Ent-

schuldigung gebete, der Entloffene aber das Leben

verwirkt hätte, ein solcher, in fall er es nicht gütig

bekennete, mit der peinlichen Frag angegriffen werden könnte

Allein dessen aber ohngehindert bin ich jagleichwohlen der

ohnfürgreiflichen Meinung, das mann in gegenwärtig

fall auf eine solche strenge von Rechts wegen aus nach

folgenden Ursachen keinen antrag machen könne in

Erwegung

Erstl: die zwey aydlich und ohnparteyisch

Maurer benantlich Johann Reißinger und Cassian Knöd=

=linger sub Nr. 6: Brtbrunn, dass der ausgerissne

Mayr seinen ganzen ausbruch mit den blossen Schellen

ohne jemanden andern zurthun innerhalb 5. Stunden

mithin in einer Nacht leichtlich habe bewerken können,

zumahlen der Camin nur mit einem Ziegel=Mäurl

von einem halben Schuch, so ohnehin schon einen Schrick

gehabt, die ander Maur in dem Rosenberger Kotter

hingegen nicht zwey, sondern nur 1 ½ Schuch dick

war, durch dise leztens auch umb so leichter habe durch=

arbeiten können, als zu solcher all zu viel Kalch,

und zu wenig Sand genommen worden, wie man das

Vorige Loch vermauert, ansonsten auch das geflochtene

Stroh band nicht gegen 7. sondern nur 5. Clafter

lang gewesen, hiernächst auch

Anderstens nirgens zu erhellen gewest, dass der

Landghts=diener und sein Sohn mit dem Mayr

in bekanntschaft gestanden oder von diesen, oder

seinem Eheweib, oder anderen befreundeten zur Vor=

=schubgebung seines ausbruchs mit Geld wäre be=

=stochen, oder ansonsten corumpirt worden, und obschon

Drittens ein grosses übersehen, dass der Landghts-diener

und sein Sohn wider das ausdrückliche Verbot des Herrn

Pflegers zu Rannariedl dem Arrestanten das unabge=

=schnittene Stroh beygelaßen, annebens aber auch den

Schalk und in diesem einen Riem zum zusammenbinden

hangen ,, beyhm Rosenberger Kotter aber die lange,

und schwäre Eisen liegen gelassen, so entschuldiget sich

doch der Landtghtsdiener, daß er auf das Strohabschnitten

nur durchaus vergessen mit der

sub Nr: 7. ad Interrog: 9. gemachten expression, daß,

wann der Mayr auch das abgeschnittene Stroh gehabt

hätte, dieser sich mitels beyhilf deren cotzen, seines

Fuhr Kitls, eines ruessigen, und eines gewaschenen

Hemmets jegleichwohlen hinunter hätte lassen können;

Sub Nr: 7. Ad Interrog: 20. meldedt/ : welches auch sein

Sohn sub Nr. 8. herkömm lasset:/ dass sie die lange

und starke Cöttn ja und allezeit in Schloss lasseten,

damit, wann gäh was auskommete, mann solche bey

handen hätte, in weithern auch den Mayr, wann

er auch den Riem nicht gefunden hätte, die 2. Cötten

jegleichwohlen mit jenen Hosen Riemen, mit welchen

er die Strimpf gebunden, hätte zusammenbinden können;

Ad Interrog: 21. nur einzig und allein wünschet, dass

unser Herr Gott gebete, dass der Mayr aufkommete, und

mithin seine Unschuld hiedurch in Tag legen könnte, bey

welchen und dergleichen Umbständen dann

Viertens ich weder wider den Landtghtsdiener, noch seinem

Sohn einen dolum oder geflissentliche Vorschubgebung zum

Ausbruch praesummiret kann, wiezumahlen jedoch

Fünftens, sowohl der Landtghtsdiener alß sein Sohn eine

sträfliche Nachlässigkeit begangen, dass sie wider ausdrük-

=lichen Verbot des H: Pflegers dem Arrestanten jeglichwohl

unabgeschnittenes Stroh gegeben, und beygelassen, da

doch Hr. Landtghtsdiener in den Summari: „Constituto

sub Nr. 2. ad Interrog: 1. Sub Nr: Keyerey(?) beforchten wann

man dem Mayr geringere Eisen anlege, mithin bey

so gestalten? Sachen diselbige nicht bössere Sorgfalt ge=

=brauchet, und mehreren Fleis angekehrt, wodurch

wenigstens, wo nicht des-unvermutheten aus und Ein=

=brechens, doch der Entfliehung des Mayrs hätte vor=

gebogen werden können, anbey aber

Sechstens Unser O:Ö: Landgerichts Ortnung

Leopoldina penali

Cit:Part: 3: Art: 37. §: 7.

auf derley fäll mehrmalen gesazzobig verordtnet,

dass, wann aber kein boßheit, sondern nur etwann

/: wie der Landtghtsdiener sich in ansehung des Strohab=

schneidens von selbsten entschuldigen will :/ und daß über

sehen, oder Nachlässigkeit fürüber gangen, derley gefangen=

swarther allein willkürlich, doch in allweg entweder mit aus=

streichen, oder einer anderen Extraordinari Straf belegt werden

sollen, gestalten dann auch die Constitutio Criminalis

Theresiana

Art: 71. §: 8. Vers: Anderstens

derley fäll unter die straflindere Umbständt zehlet,

in übrigen aber die ausmessung der Straf der Willkühr

eines Richters überlasset

Alß bin ich der Endlichen Meinung, dass der Landtgerichtsdiener

Joseph Strixner über die bereits von 10.en 9bris (1)769 wohl hier in

Wazserthurn alß zu Rannariedl ausgestandtene Arrests

zeit seiner begangenen Nachlässigkeit halber, andern der=

ley fahrlässigen Dienern, und Gefangenwarthern

zum beispiel, annoch auf 8. Täg zu einer offentlichen Eisen

arbeith angehalten werden dürfte; der Sohn Johann

Georg Strixner hingegen seine ausgestandtene Arrests=

Zeit in poenam imputiert, und mit einem gemessenen

Verweiß, auch nachdrucksamer Ermahnung, in Hinkonft

bössers obsicht auf die ihm anvertraute Arrestanten

zu tragen, in ansehung seiner Jugend des Arrests

widrumb entlassen werden könnte;

Welch alles Euer hochgräfl. Excellenz pp. in folge

Eingangs erwehnten Decreti A. gehorsamst und gutächt

lich einberichten,, hiernächst mich zu beharren hochen hulden

und gnaden solchermaßen empfehle sollen.

Euer hochgräfl. Excellenz ee.

Gehorsamster

Simon Rupert Aichinger

k.k. Landtrichter

(Maßeinheiten: 1 Schuh=31,6 cm, 1 Klafter=1,9 m)