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Gottlieb Theodor Pilz (1789-1856)

Gottlieb Theodor Pilz

Gottlieb Theodor Pilz – Ein Freund Ludwig van Beethovens?

Hemmte er dessen Schaffenskraft?

Die Wahrheit ist seltsamer als die Fiktion

Mark Twain

Man stelle sich vor, einer unserer Vorfahren wäre für Beethovens bescheidene musikalische Schaffensperiode von 1814 bis 1818 verantwortlich gewesen! Klingt absurd? Nun, lassen Sie mich Ihnen von Gottlieb Theodor Pilz erzählen, unserem Namensvetter, der genau dafür bekannt ist.

Der deutsche Literat und Tonsetzer Gottlieb Theodor Pilz wurde 1789 in Dinkelsbühl oder Nördlingen geboren. Schon früh kam er mit dem geistigen Leben seiner Zeit in Berührung. Besonders hervorzuheben ist seine Bekanntschaft mit Friedrich Gottlieb Klopstock, der nach dem Umzug der Familie nach Hamburg regelmäßig im Hause Pilz verkehrte.

Während einer zweijährigen Italienreise lernte Pilz in Rom die französische Schriftstellerin Mme de Staël kennen. Er stand ihrem Vorhaben, ein Werk über Deutschland zu verfassen, ablehnend gegenüber, konnte aber die Veröffentlichung von “De l’Allemagne” 1813 nicht verhindern.

Nach Deutschland zurückgekehrt, trug Pilz 1810/11 maßgeblich dazu bei, dass Friedrich Ludwig Jahn sich von der Schriftstellerei abwandte und sich dem Turnen zuwandte. Ab 1814 hielt sich Pilz in Wien auf und wird allgemein für Beethovens unproduktive Schaffensphase von 1814 bis 1818 verantwortlich gemacht.

 

Pilz und Beethoven

1821 siedelte Pilz nach Berlin über, wo er sich im Hause Lutter & Wegner regelmäßig mit E.T.A. Hoffmann und Christian Dietrich Grabbe traf. Ab 1823 lebte er meist in Paris und verkehrte zunächst im Kreis um George Sand und Alfred de Musset. Später zählten auch Giacomo Meyerbeer und Frédéric Chopin zu seinen Bekannten. Pilz wird allgemein die Entdeckung der musikalischen Begabung Gioachino Rossinis zugeschrieben.

Am 12. September 1856 starb Pilz während einer Lesung seiner Nachdichtung der Tragödien von Jean Racine in Paris an einem Schlaganfall.

Pilz’ besondere Bedeutung liegt in seinem unermüdlichen Kampf gegen den künstlerischen Übereifer seiner Zeitgenossen. Zeitlebens versuchte er, auf das künstlerische Schaffen seiner Zeitgenossen bremsend einzuwirken. Als sein Hauptwerk gelten die 1864 posthum erschienenen “Sieben Briefe des Gottlieb Theodor Pilz”.

Wolfgang Hildesheimer schrieb über ihn im Jahre 1956:

»Das Jahr 1956 ist beinahe vergangen, und mit ihm verklingt das Gedenken an viele Unsterbliche, deren Geburts- und Todestage man während mehrerer feier- und festspielreichen Monate begangen hat: Mozart, Heine, Rembrandt, Caesar und Freud – Festredner, Kranzspender, Staatschefs und das diplomatische Corps sind kaum zur Ruhe gekommen. – Einen aber hat man vergessen: Gottlieb Theodor Pilz, der, vor hundert Jahren, am 12. September 1856 starb.“

Das Einstein Forum in Potsdam, rief das Jahr 2006 sogar zum „Pilzjahr“ aus. Im Ankündigungstext steht, dass schon vor 50 Jahren Wolfgang Hildesheimer zum Gedenken an Gottlieb Theodor Pilz ein Ehrenjahr ausgerufen habe. Das sei Ansporn für die Ausrufung des neuen Pilzjahres gewesen. Für das Symposium zu Ehren von Pilz wurden namhafte Referenten eingeladen und auch der Initiator hielt  ein viel beachtetes Referat, das sich in drei Abschnitte gliederte: A) Über die Notwendigkeit eines zeitgenössischen Pilzianismus. B) Die Figur Pilz und seine Tragik. C) Pilz’ Erben. Der Vortrag endete mit den aufrüttelnden Worten:

„Sollte nicht jedes Jahr ein Pilzjahr sein? Es sollte! Wir hier in Potsdam wollen uns daran erinnern, wo die Wiege des Pilzianismus stand: in Dinkelsbühl – oder auch in Nördlingen, jedenfalls in Deutschland – in Deutschland, dem Land der Dichter und Dämpfer!“

Raimund Bezold widmet Pilz 1991 einen Artikel in: Walther Killy (Hrsg.): Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Bd. 9. Berlin und Gütersloh 1991. S. 165 f., und auch die in der Digitalen Bibliothek erschienene Ausgabe auf CD-ROM gibt diesen Artikel auf S. 15993 wieder.

Aber:

Trotz unserer gleichen Nachnamen konnte ich bisher keine Verbindung zu Gottlieb Theodor Pilz in unserer Familiengeschichte nachweisen. Das wird auch niemand in der Zukunft schaffen, da er eine rein literarische Erfindung von Wolfgang Hildesheimer ist – ein klassischer Wissenschaftswitz.

Während der fiktive Gottlieb Theodor Pilz uns also zum Schmunzeln bringt, erinnert er uns auch daran, dass unsere echten Vorfahren ihre realen faszinierenden Geschichten haben. Ohne Ruhm und Glamour, dafür umso authentischer. Im Sinne des Eingangs angeführten Zitats von Mark Twain ist die Wahrheit über unsere echten Vorfahren faszinierender als die erfundenen Heldentaten von Gottlieb Theodor. Also wenden wir uns künftig besser wieder realen Personen zu.

Nachwort:

Die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Liebe Leserinnen und Leser,
ich hoffe, dass ich Sie mit diesem Beitrag zum Schmunzeln und vielleicht auch zum Nachdenken gebracht habe. Bevor ich zum Schluss komme, möchte ich noch eine Information mit Ihnen teilen: Dieser Beitrag war ursprünglich für ein Buch über meine Ahnenforschung gedacht. Ich hatte aber Bedenken wegen der möglichen Täuschungsgefahr und habe deshalb davon Abstand genommen.
Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass die Geschichte von Gottlieb Theodor Pilz reine Fiktion ist. Mein Ziel war es nicht, Sie zu täuschen, sondern Sie auf eine unterhaltsame Reise in die Welt der „Was-wäre-wenn“-Szenarien mitzunehmen und Ihnen die faszinierenden Möglichkeiten, aber auch die Fallstricke der Geschichtsforschung und Genealogie näher zu bringen.
Ich möchte auch zur Diskussion anregen: Was haben Sie beim Lesen empfunden? Waren Sie überrascht zu erfahren, dass die Geschichte frei erfunden ist? Und was sagt das über unsere Erwartungen und unseren Umgang mit historischen und genealogischen Erzählungen aus?
Ich bin gespannt auf Ihre Gedanken und Kommentare.

Die Informationen basieren auf  der deutschen Wikipedia. Das Titelbild stammt von Midjourney.